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"Gedanken vor Ort"
31.08.2002 - 10 Uhr
Wir fahren Richtung Grimma und machen einen Zwischenstopp in Sermuth. Ein
kleines Dorf direkt an der Mulde. Es gibt keinen Einwohner der nicht
betroffen ist. Wir suchen die Leiterin des hiesigen Kindergartens. Beim
Umlenken in einer Ausfahrt (nicht beschädigt) beschwert sich eine Frau
"Muss das sein, sehen Sie nicht wie zerstört hier schon alles ist". Die
Nerven liegen blank, zuviel mussten diese Menschen in den letzten Tagen
mitmachen. Die Leiterin des Kindergartens zeigt uns Bilder und wir
verstehen schnell, warum große Finanzielle Hilfe hier notwendig ist. Der
gesamte Kindergarten wurde unterspült und die Bodenplatte (Beton) brach,
wie Eisschollen auseinander. Sie erzählt, wie viel Mut die vielen Helfer
aus nah und fern machen und hofft, dass Sie auch weiterhin Unterstützung,
die Sie alle dringend brauchen, erfährt.
Wir verabschieden uns und fahren weiter in Richtung Grimma, vorbei an
mehreren zerstörten Orten. In Grimma werden wir von einer Polizeistreife
freundlich empfangen, die uns sofort den Weg weist. Kaum vorstellbar, wie
weit das Wasser in die Stadt eingedrungen ist. Wir gehen an Häusern mit
Marierungen (3,50 Meter) vorbei, bis zum Marktplatz. Er wurde gerade
fertig restauriert und dann brach die Flut herein. Überall ist reges
Treiben und trotzdem wird man das Gefühl der totalen Stille nicht los.
Beim Rundgang in der Stadt weiß man seine Gedanken nicht zu ordnen. Hier
eine Lücke in der Häuserzeile, da ein Haus, welches notdürftig abgestützt
wurde. Ob diese Häuser noch abgerissen werden müssen, wird die Zeit
zeigen. Überall hängen Bettlacken mit der Aufschrift "Wir danken den
Helfern". Trotz der Trümmer sehen wir auch Bettlacken mit der Aufschrift:
"Wir machen weiter! Lassen uns nicht unterkriegen". Ich stelle mir die
Frage: Woher nehmen die Menschen diese Kraft???
Freundlich werden wir in der Stadtverwaltung, mit der wir die vergangenen
Tage schon super zusammen arbeiten konnten, empfangen. Wir erfahren, dass
viele Häuser noch keinen Strom haben. Nach 2 Wochen!!! Schnell wird uns
hier klar, dass an ein halbwegs normales Leben noch lange nicht zu denken
ist. Das die Hilfe besser koordiniert in diese Städte gebracht werden
muss. Es fehlen Taschenlampen, Werkzeug, Nägel und Spitzhackenstiele.
Schnell wird klar, warum die Lager mit Spenden voll sind. Wo sollen diese
Menschen auch mit Sachen und Möbeln hin, wenn ihre Wohnungen noch völlig
nass und unbewohnbar bzw. unbetretbar sind????
Nachts werfen wir noch einmal einen Blick auf die Stadt. Die gesamte
Altstadt ist dunkel.
Eine gespenstige Totenstille herrscht hier.
01.09.2002
Wir besuchen Dresden Gohlis. Dieser Stadtteil wurde besonders schwer
getroffen.
Ich fahre mit 2 Frauen, die für Betroffene Essen gekocht haben. Wir fahren
durch Straßen mit Müll. Das THW pumpt die letzen Keller lehr. Noch vor 4
Tagen stand hier das Wasser. Ich lerne eine Frau kennen, die sofort
beginnt Ihr Herz auszuschütten. Sie zeigt mir Ihr Haus. Auch in der 1.
Etage stand das Wasser noch 80 cm hoch. Was Ihr geblieben ist, ist Ihr
Dachboden. Ich sehe Risse in der Wand. Der Gutachter sagte Ihr, wenn die
Risse größer werden, muss der Abriss angeordnet werden. Ihre einzigste
Hoffnung ist, dass das Grundwasser langsam sinkt und die Bodenplatte hält,
sonst hat Sie auch das letzte was Ihr geblieben ist verloren. "Noch 4
Jahre müssen wir für das Haus abbezahlen und die Finanzierung ist schon
eng. Und in 5 Jahren geht mein Mann in Rente" erzählt sie mir.
Geweint hat sie nicht über den Verlust ihres Hab und Gutes, sondern über
die vielen Helfer die ihr Haus vom Schlamm befreit haben. Gestern hat es
geregnet und schon wieder läuft Wasser in Ihr Grundstück.
Mittlerweile sammeln sich mehrere Menschen um das warme Essen und sind
unendlich dankbar für eine warme Suppe. Eine Frau sagt: "Ich habe schon
einen Apfel gegessen, da ich nichts anderes hatte". Die Essensversorgung
ist seit gestern eingestellt worden, heute haben sie Privatleute
übernommen. Und was ist Morgen????
Ich werde gefragt, ob es auch noch Sachspenden in 3 Monaten gibt, wenn
diese Leute vielleicht in ihre Häuser zurück können.
Auf der Heimfahrt höre ich im Radio, dass 80 % Stornierungen im Freistaat
Sachsen in den Urlaubsgebieten zu verzeichnen sind. Warum?
Wissen die Menschen nicht, dass Sachsen besuchen - Sachsen hilft? Wenn die
übrig gebliebenen Urlaubsregionen jetzt auch noch ihre Gäste verlieren,
wird die sächsische Wirtschaft ein nächstes Mal empfindlich getroffen.
Meine Hoffnung bleibt, dass dieser Trend sich ändert.
Zu Hause setze ich mich an den Rechner und lese im Gästebuch folgenden
Eintrag:
Also ich finde das mit den Spenden ja OK! Wer will soll spenden! Aber das
man jeden Tag mehrmals dazu aufgefordert wird zu spenden nervt mich
ungemein! Schließlich sind die Leute selber Schuld! Wer hat die Flüsse
begradigt und in Flussnähe gebaut? Ich nicht und außerdem Spende ich
monatlich wenn ich meine Steuer zahle (Soli)!
Frage: Weiß dieser Mann/Frau eigentlich, dass deutschlandweit
Sachsen die wenigsten Flüsse begradigt hat???? Warum schreibt Er/Sie nicht
einmal seine/ihre E-Mail-Adresse mit in den Beitrag, sodass man mit
Ihm/Ihr diskutieren kann. Warum ist Er/Sie so feige. Gern hätte ich
Ihn/Sie zu einem Besuch eingeladen. Wäre Er/Sie mit zu den betroffenen
gegangen???
Wie bringt man den Menschen bei, dass die Sachspenden wirklich gebraucht
werden. Nur nicht jetzt, da niemand weiß, was man damit anfangen soll. Was
passiert, wenn wir jetzt bitten, die Sachspenden auszusetzen? Stoppt man
damit den Spendenfluss für ewig? Was denken Spender, wenn sie hören, dass
die Lager voll sind? Wie kann man ihnen die Lage richtig schildern, damit
die Menschen, die in Monaten dringende Hilfe brauchen, auch diese
bekommen? Ich weiß es nicht!
Und es gibt noch schlimmer betroffene Gebiete. Schlimmer betroffen, geht
das???
Entlang der Weißeritz versucht die Bundeswehr mit schweren Panzern das
Flussbett wieder herzustellen, da erneut schwere Regenfälle gemeldet sind.
Noch mal Überschwemmungen - Bitte nicht!!!
Ich erinnere mich an einen Anruf von heute früh. Eine Spendensammlerin aus
Bonn erzählte mir, dass eine Familie ihre gesamte Wohnzimmereinrichtung
gespendet hat und ihre Gartenmöbel in die Stube gestellt hat. Sie sind der
Meinung, dass es ihnen gut geht, weil sie noch ein Dach über dem Kopf
haben. Ich bin sprachlos.
Diese Welle der Hilfsbereitschaft, ist es die den betroffenen Menschen den
Mut machen, nicht aufzugeben.
Sie ermutigt uns auch weiter zu machen.
Jens Richter
Helft-Sachsen.de
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