"Der Baukurier interviewte Jens Richter von Helft-Sachsen.de"
 

 

Weihnachten nach der Flut

Zehn Fragen an Herrn Jens Richter von www.helft-sachsen.de

1. Weihnachten steht vor der Tür - haben alle Flutopfer wenigstens ein halbwegs behagliches Zuhause?

Diese Frage ist leider mit Nein zu beantworten. Nicht wenige Betroffene leben immer noch in Notwohnungen, da Ihre Häuser noch nass und unbewohnbar sind. Die wahren Schäden werden erst nach dem Frost im Frühjahr bzw. im Sommer 2003 erkennbar sein. Wie viele Häuser dann noch sanierbar sind ist nicht abzuschätzen. Leider können auch erst dann die
Letzten dauerhaft zurück in Ihre Wohnung
.

2. Was schätzen Sie, wieviel Prozent der Zerstörung sind inzwischen beseitigt?

Auch hier steht die Frage, wie viele Schäden der Frost noch anstellt. Die genaue Prozentzahl wird erst im Sommer 2003 beantwortbar sein. Es ist viel geschaffen worden, aber genau so viel Arbeit steht noch vor uns.

3. Wie war und ist aus Ihrer Sicht die Verteilung der Gelder?

Weitestgehend hat die Verteilung der ersten Nothilfen hervorragend geklappt. Auch die Schaffung des Computerprogramms "Phönix" (Erfassung aller ausgezahlten Spendengelder) war ein wichtiger und richtiger Schritt. Umso unverständlicher ist deshalb die Aussage des DRK, dass weitere Spendengelder nicht unbürokratisch fließen können, da erst einmal abgewartet werden müsse, welche Versicherungsgelder gezahlt werden. Gerade das "Phönixprogramm" ermöglicht es zuviel gezahlte Spendengelder zurück zu fordern. Es ist geradezu unlogisch, dass auf der einen Seite die Betroffenen schnell Gelder für die notwendigen Sanierungen brauchen und andererseits Spendengelder in Millionenhöhe auf Konten von Hilfsorganisationen "gelagert" werden.

4. Was wäre besser zu machen gewesen?

Grundlegend ist bei der Verteilung der Nothilfen richtig gehandelt worden, aber die unbürokratische Hilfe ist ins Stocken gekommen. Vorschlagen würden wir die bessere Koordinierung des Katastrophenschutzes. Es macht keinen Sinn, mehrere Hilfsorganisationen zu haben, wenn jeder sein eigenes "Süppchen kocht". Dies muss in Zukunft zentral geleitet werden, umso besser funktioniert dann auch die Verteilung von Spenden. Die Betroffenen brauchen keine Hilfsorganisationen die nach kürzester Zeit Millionen von Spendengeldern bilanzieren, aber diese nicht auszahlen, da erst einmal geprüft werden muss, wie viel andere gezahlt haben. So entsteht schnell der Eindruck, dass man auch mit Zinsen durch Spendengelder gut wirtschaften kann.

5. Die Politiker sind weg, es bleiben die Flutopfer. Wie bewerten Sie das derzeitige Engagement der Politik?

Vor der Wahl ist nicht nach der Wahl. Ich glaube so könnte man dies auf den Punkt bringen. Es sind viele Versprechen und Hoffnungen gemacht worden, denken wir nur an den Satz: "Keinem wird es nach der Flut schlechter gehen, als vor der Flut". Leider sind diese guten Vorsätze auch mit der Flut "weggespült" worden. Von der Politik ist derzeit überhaupt nichts zu spüren. Seitens des Bundes werden Haushaltslöcher mit der Flutkatastrophe begründet, andererseits ist auch der Freistaat Sachsen nicht in der Lage mit den Fehlern während der Jahrhundertflut umzugehen. So steht Röderau Süd als Symbol für bürokratische Vertuschung. Einstige Elbauen (schon zu DDR Zeiten als nicht bebaubare Flächen gekennzeichnet) wurden als Bauland freigegeben. Es erfolgt KEINE Aufarbeitung, warum diese Flächen freigegeben wurden. Vielmehr wird die Umsiedlung unterstützt. Augenscheinlich ist dies richtig. Die Frage warum dies erst jetzt geschieht und wer für diese Fehler verantwortlich ist, wird nicht geklärt. Gerade heute hat der Ministerpräsident Herr Milbrath erklärt, dass personelle Veränderungen nicht nötig sind. Die Betroffenen fragen sich aber immer mehr, wer trägt eigentlich die Verantwortung? Zu Konsequenzen ist die Politik nicht bereit. Ob in Berlin für falsche Versprechen oder in Dresden für die Aufarbeitung von Fehlern. Helft-Sachsen.de fragte erst kürzlich nach Umweltschäden in Sachsen nach. Außer der Antwort, dafür sind wir nicht zuständig, bekamen wir keine Antwort. Lediglich die TU Dresden veröffentlichte alarmierende Zahlen und Hinweise. Der Freistaat Sachsen korrigiert die Zahlen der Schäden von 15 auf 9 und derzeit auf 6,2 Mrd. Euro herunter. Es bleibt die Frage, welche Schäden entstehen an noch nassen Gebäuden während der Wintermonate? Die genauen Zahlen sind noch lange nicht ermessbar.
Solange die Politik nicht diese Fragen beantwortet, werden die Opfer keine Ruhe finden und sich immer weiter fragen "WARUM???". Psychologisch hat hier die Politik vollkommen versagt. Auch kann ein Bundesland die entstandenen wirtschaftlichen Schäden nicht allein tragen, vielmehr müssen die Rahmenbedingungen seitens des Bundes gerade für den schwer angeschlagenen Mittelstand schnell geändert werden.


6. Weihnachten - Zeit der Besinnung - Was sind derzeit die größten Sorgen der Betroffenen?

Vor allem ist es die Sorge vor dem nächsten Regen. Kleinste Tropfen lösen Panik aus. Die Aufarbeitung durch die Betroffenen wird noch lange andauern, bis die Geschehnisse verarbeitet sind. Des Weiteren werden wir ständig gefragt, ob auch für Betroffene, die erst im neuen Jahr so richtig mit Ihren Wohnungen loslegen können, noch genug Spendengüter vorhanden sind. Wir von Helft-Sachsen.de werden auch weiterhin daran arbeiten und informieren.

7. Was glauben Sie, wie lang wird die komplette Beseitigung der Schäden noch andauern?

Wir werden auf jeden Fall noch das gesamte Jahr 2003 brauchen, um die emensen Schäden zu beseitigen. Gerade im Müglitztal oder im Weißeritzkreis sind langfristige Baumassnahmen an der Infrastruktur notwendig.

8. www.helft-sachsen.de hat bisher viel bewegt und vielen Menschen helfen können. Welche Aufgaben und Ziele verfolgen Sie in 2003?

Helft-Sachsen.de wird auch 2003 weiter für die Flutopfer da sein. Wir werden weiter für Spenden werben und über den Stand der Dinge im Internet berichten. Gerade jetzt ist es wichtig gegen das Vergessen weiter zu informieren. Langfristig werden wir für den Tourismus engagiert arbeiten. Die
rückläufigen Zahlen in der Branche müssen sich wieder ändern. Derzeit arbeitet ein Team von Helft-Sachsen.de an einer Datenbank für eine Touristik-HP. Sie wird Mitte bis Ende 2003 ins Netz gestellt werden. Helft-Sachsen.de wird weit über das Jahr 2003 an der Beseitigung der Folgen der Flutkatastrophe mitwirken.


9. Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären dies?

1. Das der gewachsene Zusammenhalt in Deutschland nicht enden wird.
2. Das auch weiterhin notwendige Spenden und Hilfsgüter für Betroffene fließen.
3. Das der Freistaat Sachsen (meine Heimat) schnell wieder "Fuß" fast und die weitreichenden Folgen dieser Katastrophe überwindet.


10. Wie schätzen Sie die derzeitige Rolle der Medien in Bezug auf die Flutkatastrophe ein?

Einzig und allein wird im Internet lückenlos über die Zeit nach der Katastrophe berichtet. Für viele Medien ist die Zeit der Einschaltquoten und Auflagensteigerungen vorbei und somit das Thema zu den Akten gelegt. Wir werden oft gefragt, ob überhaupt noch Hilfe notwendig ist, da man im TV und Radio nichts mehr davon hört. Lediglich der MDR berichtet noch von diesem Thema.
So ist es nicht verwunderlich, dass Auswertungen ergaben, dass 2/3 der Informationen im Internet verbreitet wurden und werden.

Wir bedanken uns für das Gespräch. (Mit Jens Richter sprach Sophie Grünwald)

veröffentlicht unter:

www.baukurier.de

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